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Prof. em. Dr. Dr. hc Adolf Kell

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Nachruf auf Adolf Kell

Der Arbeitsbereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik trauert um Prof. em. Dr. Dr. h.c. Adolf Kell, der am 01. Juni 2021 im 87. Lebensjahr in Bad Godesberg verstorben ist.

Als Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Berufspädagogik hat Adolf Kell mehr als zwei Jahrzehnte und fast zwei Jahre über seine Emeritierung hinaus (1977–2000) die Geschicke der Arbeitsgruppe und des ehemaligen Fachbereichs 2 -auch als Dekan- engagiert mitgelenkt. Der Lehrerbildung in Siegen verdankt ihm richtungsweisende Impulse: So ist die Gründung und Organisation des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZFL Siegen) ebenso wie der „Gesellschaft zur Förderung der Lehrerbildung“ (GfL Siegen) im Wesentlichen auf sein Engagement zurückzuführen. Darüber hinaus war er mit dezidiert erziehungswissenschaftlicher Position einer der federführenden Initiatoren bei der Implementierung des konsekutiven Modellstudiengangs „Außerschulisches Erziehungs- und Sozialwesen“ (AES), der später als „Integrierter Studiengang Sozialpädagogik und Sozialarbeit“ (ISPA) Regelstudiengang wurde und der bis heute als Bachelor- und Masterstudiengang „Soziale Arbeit“ bzw. „Bildung und Soziale Arbeit“ fester Bestandteil des Siegener Studienangebots ist. Die Erziehungswissenschaft und ihre berufsbildungswissenschaftliche Teildisziplin haben mit Adolf Kell einen herausragenden Kollegen und Experten verloren, dessen wissenschaftlicher und menschlicher Integrität von Kolleg*innen und Studierenden uneingeschränkt hohe Wertschätzung entgegengebracht wurde.

1934 in Berlin geboren und aufgewachsen, hat Adolf Kell - mit kriegs- und nachkriegsbedingten Unterbrechungen - bis 1970 in seiner Heimatstadt gelebt. Nach einer kaufmännischen Berufsausbildung und dem Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife über eine Externenprüfung studierte er Wirtschaftswissenschaften und Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Nach dem zweiten Staatsexamen hat er sich als Dozent am Aufbau der in Berlin neu gegründeten Höheren Wirtschaftsfachschule (heute Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) beteiligt. Dort war er sieben Jahre als Abteilungsleiter für Volkswirtschaftslehre tätig, bis er auf Herwig Blankertz traf, der ihm bildungstheoretisch den Weg in die Erziehungswissenschaft ebnete und zum richtungsgebenden akademischen Mentor für Adolf Kell wurde. Er folgte Blankertz nach dessen Ruf an die Westfälischen Wilhelms-Universität (1969) nach Münster, zunächst als Oberstudienrat im Hochschuldienst, 1972 erfolgt dort die Berufung zum Professor für Bildungsökonomie und Bildungsplanung. Gemeinsam mit Blankertz wurde er im gleichen Jahr für die Wissenschaftliche Begleitung des Kollegschulversuchs NRW beurlaubt, der ersten Initiative, die den (erziehungs-) wissenschaftlich-curricularen mit dem politischen Anspruch zu verzahnen versuchte. Adolf Kell hat sich in fast fünf Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit immer wieder diesem erziehungswissenschaftlichen Grundproblem gewidmet, indem er Allgemein- und Spezialbildung, Lernen und Arbeiten, Tüchtigkeit und Mündigkeit, Bildung und Beruf theoretisch zu ergründen, kategorial zu klären und bildungspolitisch mitzugestalten suchte. Nach der Annahme des Rufs auf die Professur für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an die Gesamthochschule Kassel folgte er ein Jahr später dem Ruf nach Siegen auf die Professur für Berufspädagogik. Zugleich leitete er von 1976 bis 1989 die „Assoziierte Wissenschaftlergruppe Berufs- und Wirtschaftspädagogik“, die das Land NRW und die Arbeitsgruppen des Kollegschulversuchs bei der Implementierung des Reformmodells wissenschaftlich begleitete und damit den Weg bereitete für die im NRW-Landtag beschlossene Zusammenführung von Kollegschulen mit den berufsbildenden Schulen zum neuen Konzept Berufskollegs als Regelsystem.

Gemäß seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis waren seine Verpflichtungen an der Universität Siegen eingebunden in verbands- und bildungspolitische Aktivitäten auf Landes- und Bundesebene. Sie spiegeln sich in seinen zahlreichen Vorstandsämtern und Initiativen in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) und in der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Die DGfE hat ihn 2004 mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen verlieh ihm 2005 die Ehrendoktorwürde als „einem der herausragenden Erziehungswissenschaftler in Deutschland und emeritierten Hochschullehrer für Berufs- und Wirtschaftspädagogik“.

Verdienstvolle Aufgaben hat Adolf Kell auch über die eigene Disziplin hinaus übernommen als Mitglied der Schulrechtskommission des Deutschen Juristentages (Leitung des Ausschusses „Schulverhältnis“), als Mitglied der DFG-Senatskommission für Berufsbildungsforschung, als Mitglied der Gemischten Kommission Lehrerbildung der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder sowie als Mitglied der Arbeitsgruppe Lehrerbildung der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen.

Es ist der originäre Verdienst von Adolf Kell gegenüber teildisziplinären Partialsichten und Richtungsstreiten eine disziplinen-integrierende (Berufs-)Bildungsforschung begründet zu haben. Damit ist eine Grenzgängerschaft im positiven Wortsinn dokumentiert, die einem dezidiert emanzipatorischen Erkenntnisinteresse geschuldet ist, von dem aus sich die Unterwerfung unter eine Doktrin, welcher Art auch immer, vom Grundsatz her verbietet. Mit hoher Authentizität schließt das auch alle Formen habitueller Machtdemonstrationen aus; Kolleg*innen, Weggefährt*innen, Schüler*innen und Freund*innen haben Adolf Kell als in der Form zurückhaltenden, aber in der Sache konsequent argumentierenden Wissenschaftler kennen und schätzen lernen dürfen – auch in dieser Hinsicht war Adolf Kell eine Ausnahmeerscheinung im modernen Wissenschaftsbetrieb.

Nach seiner endgültigen Entpflichtung im Jahr 2000 und einer Verlagerung des Lebensmittelpunkts von Siegen nach Bad Godesberg hat Adolf Kell bis zuletzt und auf vielfältige Weise, seine kollegiale und freundschaftliche Verbundenheit mit dem Siegener Arbeitsbereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik zum Ausdruck gebracht.

Wir und seine ehemaligen Mitarbeiter*innen vermissen ihn und werden sein Andenken in Ehren halten.

Seiner Familie gilt unser tiefes Mitgefühl.